"Langfristig in der Bundesliga etablieren" Drucken E-Mail
18.05.12
Handball-Traditionsverein TuSEM Essen hat vier Spieltage vor Saisonende den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht. Wie nach zwei Insolvenzen innerhalb der letzten zehn Jahre künftig auch ohne finanzielle Risiken die Bundesliga gehalten werden soll, erklärt Trainer Mark Dragunski im Interview.
Ex-Nationalspieler Mark Dragunski, ein Essener "Urgestein", fungiert im Klub als Trainer gleich mehrerer Mannschaften. Vor dem letzten Heimspiel der Zweitliga-Saison gegen GWD Minden am Freitag (18.05.12) glaubt Dragunski an eine langfristige Zukunft im Handball-Oberhaus, betont im Interview aber eines: "Hier werden keine finanziellen Risiken mehr eingegangen!"

WDR.de: Herr Dragunski, der TuSEM Essen ist zurück in der Handball-Bundesliga. Schon vier Spieltage vor Saisonende wurde der Aufstieg perfekt gemacht. Ist das für Sie ein überraschender Aufstieg oder eher so etwas wie die logische Folge eines Planes?
Mark Dragunski: Nein, das ist auch für uns durchaus überraschend gekommen. Wir wussten zwar, dass wir eine ganz gute Mannschaft haben, dachten aber eher, dass am Ende Platz fünf oder sechs herausspringen könnte. Den Aufstieg in die Bundesliga hatten wir eher so in zwei bis drei Jahren anvisiert. Jetzt ist es früher passiert. Auch nicht schlimm.

WDR.de: Es ist ein sehr großer Sprung von der zweiten in die erste Bundesliga. Die Leistungsunterschiede sind enorm. Kann der TuSEM diesen Aufstieg stemmen? Kann für die nächste Saison eine Mannschaft auf die Beine gestellt werden, die die Klasse halten kann?
Dragunski: Wir haben eine junge Mannschaft mit Potenzial. Es fehlen die erfahrenen "Kracher" im Team. Daher wird es eine riesengroße Hürde und ein extrem harter Kampf werden, die Bundesliga halten zu können. Das ist uns allen hier bewusst. Wir werden einen finanziellen Etat zur Verfügung haben, der nicht einmal annähernd dem der im Mittelfeld der Liga platzierten Teams entspricht. Dennoch ist für uns eines klar: Bei allem Druck von außen werden wir hier nur das Geld ausgeben, was wir auch eingenommen haben. Finanzielle Risikoaktionen wird es nicht mehr geben.

WDR.de: Der TuSEM hat innerhalb der letzten zehn Jahre zwei Insolvenzen hinter sich, musste die Bundesliga jeweils aus finanziellen Gründen verlassen. Trägt eine Stadt wie Essen überhaupt einen Handball-Bundesligisten?
Dragunski: Ja sicher. Der TuSEM hat eine riesige Tradition, ist in der gesamten Region ein Aushängeschild im Handball. Natürlich ist gerade im Ruhrgebiet der Fußball die Nummer eins und wir kommen an Fanpotenziale wie sie Borussia Dortmund, der FC Schalke oder selbst Rot-Weiss Essen haben nicht heran. Aber es gibt hier dennoch eine Nische für Handball. Wir haben unseren Zuschauerschnitt in den letzten Wochen bereits von 1.500 auf rund 2.000 pro Partie gesteigert. Das ist schon eine gute Basis.

WDR.de: Viele Handballvereine aus der Umgebung hatten zuletzt finanzielle Schwierigkeiten…
Dragunski: Man darf eines nicht unterschätzen: In unserer Umgebung gibt es viele Handballvereine, die gute Arbeit machen und aus denen regelmäßig interessante junge Spieler heranwachsen. Hier gibt es insgesamt eine Menge Handballpotenzial. Und unsere Position hat sich – das ist etwas sarkastisch - zuletzt gebessert, weil Vereine aus der Nachbarschaft in die Knie gegangen sind. Dormagen, DHC Rheinland, zuletzt Düsseldorf – diese Klubs, die zuvor unsere Konkurrenten waren, sind sozusagen aus dem Spiel. Daher sind wir jetzt sowohl für junge talentierte Spieler wie auch für potenzielle Handball-Sponsoren der erste Ansprechpartner.

WDR.de: Was ist sportlich im nächsten Jahr drin?
Dragunski: Wir werden uns auf zwei bis drei Positionen mit neuen Spielern verstärken. Der Klassenerhalt in der Bundesliga ist dann die Aufgabe, an der wir uns orientieren. Es ist ja jedes Jahr so, dass die Aufsteiger in der Bundesliga am Ende unten stehen. Aber wir sehen auch unsere Chance. Der TV Hüttenberg beispielsweise, der in der Bundesliga gerade auf dem Weg zum Klassenerhalt ist, könnte ein Vorbild sein. Die haben einen ähnlichen Etat wie wir ihn haben werden und bieten den Großen der Branche mit beherztem Kampf und sehr gutem Teamgeist die Stirn. So können wir es auch schaffen.

WDR.de: Und wie sieht das langfristige Konzept aus? Wo will der TuSEM hin?
Dragunski: Wir wollen Stabilität in den Verein bringen, den Klassenerhalt schaffen und uns dann langfristig wieder in der Bundesliga etablieren. Wir wollen den Leuten zeigen: Schaut, hier wächst etwas heran. Die Sponsoren sollen sehen, dass der Aufstieg keine Eintagsfliege war, sondern dass es sich lohnt, hier längerfristig zu investieren